Willkommen beim
Bodo
Klage des leibhaftigen Nikolaus über die Zeitläufte
(Nikolaus von der Straße her auf wieherndem Steckenpferd)
Liebe Kinder!
Da bin ich wieder, inzwischen mindestens 1736 Jahre alt, und so sehe ich wohl auch ein wenig aus. Das liegt vielleicht auch an meinem Gewand. Ich habe nämlich das bischöfliche Pracht-Ornat abgelegt und ein Büßerhemd angetan, wie es meinem neuen Oberhirten Franziskus sicher gefiele. Wie der von Mercedes auf Fiat umgestiegen ist, so habe ich meinen Prunkschlitten ersetzt durch diese müde Mähre, und wo im letzten Jahr noch Etiketten von Rothschild-Rotweinflaschen prangten, zieren jetzt die von Wasserflaschen meine Mitra. Die ebenso frommen wie geschäftstüchtigen Schwestern von Adelholzen wird das sicher freuen.
Kein Pomp also, liebe Kinder, Bescheidenheit ist angesagt. Und Personaleinsparung, Ämterfusion. So habe ich auf meinen Knecht Ruprecht verzichtet, bin Herr und Knecht in einer Person. Das ist mir aber auch ganz recht. Beschimpfte mich doch hier vor ein paar Jahren so ein selbsternannter Hilfs-Niko Süd, ein Rüpel mit söderlichen Manieren, als »Klaubauf, germanischer, aus dem Teutoburger Wald; als Nordmanntanne, schüttere; als Fischkopf, stinkiger; als Saupreiß« – das übliche Mia-san-mia-Gehabe eben. Hat halt keine eine Ahnung von meiner Herkunft aus Myra, Kleinasien.
Wenn es nach den Gelehrten ginge, wäre ich übrigens schon längst gestorben. Sie streiten sich, ob das nun im Jahr 345, 351 oder 365 war. Aber dreimal Totgesagte leben besonders länger, wie ihr seht. Am 6. Dezember bin ich angeblich gestorben. Das ist nun der Tag meiner alljährlichen, mehr oder minder fröhlichen Wiederkehr auf Erden.
So besonders fröhlich ist mir freilich nicht mehr zumute. Da ist zum einen die Sache mit Rom: Die wollen doch laut Osservatore Romano die »Ausbildung von Qualitäts-Nikoläusen vorantreiben«. Da sage ich nur: Zum Nikolaus wird man nicht ausgebildet. Man ist Nikolaus, der Nikolaus – oder man ist es nicht.
Und da ist zum andern die Sache mit den Geschenken. Wie oft habe ich Petrus gewarnt, aus der Himmelspforte ein Internetportal zu machen. Die Geschenke bringt nun Hermes, früher mal ein Götterbote. Von mir erwartet man nur noch salbungsvolle Worte.
Dabei sollte ich über diese Wendung eigentlich froh sein. Man hatte mich altes Mannsbild nämlich zum Christkind gemacht. Das war der unselige Mönch Martinus L., nicht zu verwechseln mit dem Heiligen Martin, der die Gänse auf dem Gewissen hat. Nein, dieser dubiose Wittenberger hat, weil er keine Heiligen mehr dulden wollte, einfach das Christkind als Gabenbringer an meine Stelle gesetzt. Man stelle sich vor: Ganze Säcke voller Geschenke sollte der zarte Knabe im lockigen Haar mit sich herumschleppen! Ihr wisst: »… Mit rotgefrorenem Näschen, die kleinen Hände taten ihm weh…« Wen wundert‘s? Und: Mal was von Kinderarbeit gehört?
Diese Sorge bin ich, dank Hermes, nun also los. Aber es bleiben die salbungsvollen Worte. Was Kohl konnte, könnte ich auch: Meine Rede aus dem vergangenen Jahr noch einmal halten. Auf meine Vergesslichkeit kann ich mich verlassen.
Würdet ihr es merken? Auch beim Bundesengel Angela, der Frau mit den monochromen Jacken, den monotonen Reden und der Dauerraute, die vielleicht ein Herz sein soll: alles zum Verwechseln. Was bleibt im Gedächtnis? Vielleicht zwei bis zum Erbrechen zitierte Sätze: „Das geht gar nicht“ und: »Wir schaffen das. « Jetzt sind wir geschafft. Und sie auch.
Und, manchmal liebe Kinder, habe ich es wirklich satt, der Nikolaus zu sein, wenn andere sich als Nikolaus aufspielen wie dieses Ingolstädter Hochgewächs, dieser Drehhofer, der als vieles verkündende Windfahne durch das Land zieht. Hätte gerade noch gefehlt, dass die barmherzige Christine Nagerthauer als Engel der Gefangenen noch in seinem Tross wäre oder der komische Heilige der Selbstbedienung, der Herr Schmidt mit seinen sozialen Anwandlungen im Familienkreis.
Nein, Nikolaus zu sein – das ist kein leichtes Amt mehr.
Manchmal denke ich, ich sollte es mir leicht machen, einfach inkognito in den roten Mantel dieses Typs aus dem Land der unbegrenzten Beschränktheiten schlüpfen. Ich werde ja ohnehin immer wieder verwechselt mit jenen Studenten und Rentnern, die jetzt in rot-weißer US-Coca-Cola-Kluft mit ihren schlaffen Säcken überall herumlungern. Lauter Knechte des Kommerzes! Und dann diese Riesen-Kapuzen-Zwerge vom Studenten-Schnelldienst, die dann am Heiligen Abend unter meinem guten Namen auf Bestellung in fremde Stuben eindringen und den Kindern auf grobe Art die Leviten lesen: Hast Du wieder auf Assbook – Pardon – Facebook einen elektronischen Furz gepostet? Hast Du Dich wieder mit sieben likes bei Bushido angewanzt? Usw.
Unsereiner ist dagegen das ganze Jahr im Dienst. Man denke nur, welche Ämter man mir aufgebürdet hat. Die sogenannten Frommen haben mich schon immer vereinnahmt für unsägliche Zwecke. Schutzherr der Jungfrauen soll ich sein und zugleich Patron der Frauen mit Kinderwunsch. Wie soll das funktionieren? Ebenso Patron der Priester und der Ministranten, der Richter und der Anwälte. Von Interessenskonflikten haben diese Leute offenbar keine Ahnung. Dass mich die Banker wie die Diebe für sich in Anspruch nehmen, passt schon eher. Übrigens soll ich auch noch Patron der Knopfmacher, der Pfandleiher, der Feuerwehrleute, der Zigeuner, der Seeleute, Apotheker, Schnapsbrenner, Pilger, Kerzenzieher sein. Das bring mal alles einer unter eine Kapuze!
Ja, warum nicht mal ganz bequem den Ami-Weihnachtsmann spielen?
(legt das Bischofsgewand ab, der rote Mantel kommt zum Vorschein, mit Kapuze!)
Ich müsste keine Wunder mehr vollbringen – und Wunder sind kein Kinderspiel! Doch davon später. Ich würde untertauchen in ihrer Masse als vieltausendfacher Klon oder debil vor lauter Inzucht – mit Gartenzwerg-Laterne und Plastikbart. Ich hätte Dienstschluss am 25. Dezember und könnte dann – na, vielleicht würde ich Bademeister, oder was tut man sonst noch da drüben? Nach so viel Stress vielleicht ein bisschen rumballern oder auf die berühmte Couch – wie 70 % dieser Leute? Oder als Sandwichman in die Haut eines Republikaner-Elefanten schlüpfen und schwachsinnige Phrasen raus-TRUMPeten?
(Steht da mit nackten Schultern, in langem rotem Gewand, zwei Apple-Äpfel auf der Brust, dreht sich eitel)
Das war ja eigentlich längst fällig. Das liegt im Trend. Die Domänen der Männlichkeit sind gefallen. Was waren das noch für drei Dinge, die der Mann brauchte, damals? Feuer, Pfeife, Stanwell. Aber welcher Mann raucht denn noch? Ich sehe nur noch Frauen rauchen. Wer hat uns den Eingriff an der Unterhose zugenäht, die Direttissima für den kleinen Proteus nach draußen, vors Hosentürl? (Ihr wisst, Proteus, das ist der Gott, der vielerlei Gestalt annehmen kann.) Und wann werden sie uns eingefleischten Stehpinklern das lüftlgemalte Servierbrettl unserer Lederhosen zunageln?
Egal – gefalle ich Euch so? Der Bart stört eigentlich auch nicht. Conchita Wurst hat uns ja gezeigt, wie gut das ankommt. Und die Apple-Äpfel auf meiner Brust – da bin ich auf dem verheißungsvollen Wege einer Geschlechtsumwandlung, liege sozusagen im Trend. (Setzt sich einen Hut auf) Und jetzt setze ich mir noch einen Hut auf mit einem Selfie-Stick dran – uns Heiligen ist die Eitelkeit ja nicht ganz fremd.
Wenn ich mich dann aber so anschaue auf dem Foto – doch lieber nicht! Da schlüpfe ich doch lieber wieder in mein schlichtes historisches Gewand und walte meines Amtes. (Legt den Mantel und den Bart wieder an.)
Vorher aber muss ich mich noch verwahren gegen die Darstellung einiger meiner Wundertaten durch die Süddeutsche Zeitung, etwa die Geschichte vom Vater, der seine drei Töchter ins Bordell geben wollte, weil er keine Mitgift für sie hatte. Ich soll denen nächtlich Gold zum Fenster hineingeworfen haben, damit sie anständig unter die Haube kommen konnten. Man stelle sich vor, das Gold trifft eines der Mädchen im Schlaf, es schlägt Alarm, und man sieht mich, den Bischof, vor dem Fenster… Mein Ruf wäre ruiniert. Heikel auch die Geschichte von den drei ermordeten und bereits eingepökelten Studenten, die ich angeblich wieder ins Leben zurückrief und was der Wunder mehr sein sollen. Auch ein christlicher Heiliger kann sich nicht wehren gegen katholische Legendenbildung.
Bis hierher die ortsunabhängige Klage des Nikolaus.
Aber jetzt ein Fall, in dem auch der Nikolaus nur auf ein Wunder hoffen kann. Vor zwei Jahren lobte ich bei meiner Einkehr in den Feldmann – nirgendwo sonst gehe ich so gern hin, meine rote Nase zu begießen – vor 2 Jahren also lobte ich die wunderbare Rolle, die Nena für uns alle in diesem kleinen, von Flaschen umrahmten Welttheater spielt. Über dieses Welttheater machte übrigens schon der berühmte Romantiker Joseph von Eichenfass ein wunderbares Gedicht.
Feldmann
Ganz Neuhausen wirkt verlassen,
fest verschlossen jedes Haus,
durstig geh ich durch die Gassen,
alles sieht so trostlos aus.
Doch – ein Fenster: da hat Nena
volle Flaschen ausgestellt,
Mädels, immer-resche, steh´n da
drinnen: Ach, wie schön die Welt!
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Und ich trete in die Kneipe
grad hinein ins volle Glück.
Heil´ges Schlucken, hehre Räusche,
des Rebengottes Meisterstück!
einer schwingt das große Wort.
Rentner von den Hockern fallen.
Oh, du gnadenreicher Ort!
Jetzt ist die Nachricht bis in den Himmel gedrungen, dass Nena nicht mehr lange unsere Wirtin sein wird. Was wird aus der Stätte werden, die uns allen so viel bedeutet? Aus meiner langen Erfahrung, allerdings in himmlischen Gefilden, kann ich nur sagen: I believe in angels.